Tälermühle Waltersdorf

Tälermühle_um_1900

Die wechselvolle Geschichte der Tälermühle bei Waltersdorf

Wer in den vergangenen Wochen auf der Straße Richtung Erdmannsdorf unterwegs war, dem ist vielleicht aufgefallen, dass sich an der Tälermühle gebaut wird. Als bei den Bauarbeiten die dicken, alten Balken zu erkennen waren, konnte man für kurze Zeit sehen, dass es sich um ein schon recht betagtes Anwesen handelt.

Eigentlich hieß sie früher einmal Neumühle bzw. die Neue Mühle, doch heute ist nur noch der Name Tälermühle üblich für die Gebäude, die sich wie ein kleiner Ortsteil von Waltersdorf direkt an der Landstraße zwischen Waltersdorf und Erdmannsdorf befinden.

Als sich im 12. Jahrhundert fränkische Siedler in unserer waldreichen Gegend erstmals niederließen, gründeten sie das Dorf Waltersdorf und benannten es nach ihrem Anführer Walter, wie dies bei vielen Dörfern fränkischen Ursprungs üblich war.

Als Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen-Altenburg 1543 einige der Tälerdörfer an die Herren von Meusebach verkaufte, war auch Waltersdorf eines der Dörfer, die den Besitzer wechselten. Diesem Handel verdankt die Tälermühle ihre Entstehung, denn es war Christian Albrecht von Meusebach, der sie 1722 erbauen ließ. Die Neumühle, wie sie damals genannt wurde, war eine Schneidemühle und hatte zwei Mahlgänge. Angetrieben wurde sie vom Wasser der Roda.

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Nach 1753 fällt Waltersdorf und damit auch die Tälermühle dem Staate zu und sie wird 1755 für 1100 Meißner Gulden an Johann Michael Müller verkauft. Von nun an wechselte die Mühle zwölf Mal den Besitzer und kam zwei Mal unter den Hammer: Im Jahre 1828 wurde sie von Johann Gottfried Willes aus Waltersdorf vollkommen neu renoviert. Nach seinem Tod kam die Tälermühle in Besitz des Müllers Johann Daniel Schumann, der sie 1847 seinem Sohn Friedrich Wilhelm Schumann verkaufte. Nächster Besitzer wurde 1861 Emil Bertold Schmeißer. Ab 1874 bewirtschaftete Karl Ludwig Hausschild aus Ronneburg die Mühle, wonach sie dann 1885 gegen ein Grundstück im Fürstentum Reuß getauscht und 1886 zwangsversteigert wurde.

Auf der Versteigerung erstand Alwine Louise verw. Schmeißer in Roda die Mühle für 27.550 Mark und ab 1903 war der Förster Otto Herrmann Bleichrodt neuer Eigentümer. Nun folgte im Jahre 1910 die zweite Zwangsversteigerung, nach der dann 1911 der Lehrer Karl Friedrich Steingruber aus Lippersdorf die Mühle betrieb. Er stellte Streumehl für die BäckerUm 1900 war die Tälermühle ein Schiefergebäude mit Mühlrad und einer Scheune. Das Wasser der Roda wurde in einem 600 m langen Mühlgraben zum Mühlrad geleitet und mit einem kleinen Wehr wurde der Zulauf geregelt.

Nachdem die Tälermühle 1922 in den Besitz der Fa. Thüringer Streumehlfabrik Scholle & Co. Kam, wurde 1923 Ökonomierat Rudolf Rossner aus Zeitz Eigentümer der Tälermühleeien her.

Es erfolgte ein Umbau im Jahre 1933 und im Jahr 1934 erbte die Mühle Frau Müller-Albert, geb. Rossner, Ehefrau des Kaufmanns Franz Herrmann Müller-Albert. Dieser verlies die 1953 die DDR und die Tälermühle wurde verstaatlicht, Rechtsträger wird die Gemeinde Waltersdorf. Infolge des II. Weltkrieges waren auch in der Tälermühle Umsiedler untergebracht, die denn 1956 die Tälermühle verließen. In dieser Zeit wurde auch das kleine Elektrizitätswerk stillgelegt, welches seit 1928 in Betrieb war. Eine neue Ära begann mit der Nutzung der Tälermühle als Lehr- und Forschungsanstalt für Bienenzucht. Bis zu seiner Auflösung 1969 wurden über 1000 Imker aus- und weitergebildet. Ab 1970 wurde die Tälermühle als Weiterbildungszentrum für Leitungskader in der Landwirtschaft von der Agraringenieurschule Stadtroda genutzt, welche damit die Rechtsträgerschaft übernahm. Wegen der zu geringen Kapazitäten wurde ein umfangreicher Umbau vorgenommen, welcher 1975 abgeschlossen werden konnte. Die Tälermühle war nun eine „qualifizierte Weiterbildungseinrichtung der Leitungskader der Tierproduktion für die Bezirke Gera, Halle, Erfurt und Suhl“.

Am 24. April 1980 fielen in wenigen Stunden riesige Massen von nassem Schnee, dessen Gewicht hunderttausende von Festmetern Schneebruch in den Wäldern der Umgebung verursachte. Zur schnellen Beseitigung dieses Holzes wurden 50 Hilfskräfte in der Tälermühle untergebracht, was zu einer mehrmonatigen Einstellung des Lehrgangsbetriebes führte. Ein verheerendes Hochwasser am 10. August 1981 richtete in den Tälerdörfern noch zusätzlichen Schäden zu.

Tälermühle_1940

Als im Frühjahr 1982 der Lehrgangsbetrieb wieder aufgenommen wird, steht die Einrichtung wegen Treibstoffmangels nur noch für Leitungskader aus dem damaligen Bezirk Gera zur Verfügung.

Im Frühjahr 1983 beherbergt die Tälermühle österreichische Staatsbürger, die sich zur „Realisierung eines volkswirtschaftlich wichtigen Holzexportauftrages“ in unserer Gegend befanden. In der Zeit bis zur Wende wurde die Tagungsstätte von vielen verschiedenen Kollektiven genutzt, wie z. B. von den Feinwollschaftzüchtern aus den Bezirken Gera, Erfurt, Suhl und Chemnitz, von der Agrarflugstaffel Leipzig oder vom Rektorrat der Universität Jena. Die letzte große Renovierung vor 1990 fand im Jahr 1988 statt, wobei neben Dachreparaturen das gesamte Gebäude innen und außen gemalert wurde.

Tälermühle_in_DDR_Zeiten

Im Jahre 1990 erfolgte der Anschluss an die zentrale Wasserversorgung, da der bisher genutzte Brunnen nicht mehr genug Wasser abgab. Nachdem Anfang 1990 noch einige Managementlehrgänge stattfanden, ging der Bedarf an Weiterbildungen in der Tälermühle zurück. Hatten von 1970 bis 1990 an die 20.000 Tagungs- oder Lehrgangsteilnehmer an Fachtagungen teilgenommen, wurde die Einrichtung nach und nach nur noch als Beherbergungsobjekt genutzt. Doch da es inzwischen an Übernachtungsmöglichkeiten nicht mehr mangelte und deren Ausstattung und Erreichbarkeit auch besser war, gab es bald keine Übernachtungsgäste mehr. Erschwerend kam hinzu, dass die Erben des Herrn Müller-Albert ihre Besitzansprüche angemeldet hatten. Daraufhin wird jegliche Investitionstätigkeit seitens der Agraringenieurschule eingestellt und 1997 der Schul- und Beherbergungsbetrieb eingestellt.

Nachdem der Schornstein des Heizhauses 1999 wegen Einsturzgefahr abgerissen wurde, scheint eine sinnvolle Nutzung des Gebäudes in weite Ferne gerückt zu sein. Die Tälermühle ist wegen der ungeklärten Besitzverhältnisse dem Verfall preisgegeben. Das alte Inventar wird 2000 entsorgt und nun gaben sich die Gutachter, Gerichtsvertreter, Erben und Vertreter des Amtes für offene Vermögensfragen die Türklinke in die Hand. Im Februar 2001 fällt dann endlich eine Entscheidung. Die Erben erhalten  ihren ehemaligen Besitz zurück. Die neue Besitzerin, eine 82jährige Dame aus den alten Bundesländern, beschließt den Verkauf ihres Erbes. Nach der folgenden Teilung des Gesamtkomplexes Tälermühle wurde das ehemalige Hauptgebäude der Tälermühle 2003 verkauft und wird privat genutzt.

Bleibt zu hoffen, dass es den neuen Eigentümern gelingt, die Tälermühle eines Tages wieder in neuem Glanz erscheinen zu lassen. Derjenige, der wie viele unserer Einwohner im VG-Gebiet, in einem älteren Gebäude lebt, wird wissen, wie viel finanzielle Mittel und Kraft für die Erhaltung des Gebäudes nötig sind.

 T. Schwarz im Januar 2007 (unter Verwendung der Chroniken von Horst Sippach, Waltersdorf und Karl Hoffmann, Waltersdorf/Tälermühle)